Einleitung
Gemeinsam mit meinen Freunden und Kollegen von Silpion und der Software Allianz Hamburg bin ich in diesem Jahr Teil des SolutionsCamp zum Überthema Datenökonomie (für das Event am 12. September in Hamburg kann man sich hier anmelden). Aber um meine Keynote vernünftig und ohne Schaum vor dem Mund überhaupt halten zu können, muss ich zunächst hier hineinranten. Etwas undifferenziert und über ein paar Dinge habe ich mich schon häufiger aufgeregt, aber es scheint mir notwendig. Noch immer. Leider. Gerade in einer Woche, in der die Digitale Agenda der Bundesregierung vorgestellt werden soll.

Genauer gesagt lege ich einen Kettenrant vor, denn es heißt ja nicht umsonst “Netz”, sondern weil alles mit allem verbunden ist. Das Wesen eines Netzes halt.

Die Infrastruktur
Es fängt mit dem Zugang zum Internet an. Die Telekom hat soeben ausgerechnet, dass eine 50 Mbit-Anbindung aller Haushalte bis 2018 – so plant es die Politik – 25 Milliarden Euro kostet. Eine vollständige Verglasfaserung Deutschlands kostet bis zu 100 Milliarden. Natürlich kann kein Provider solche Investitionen allein stemmen. Aus genau diesem Grund hat zum Beispiel Frankreich im letzten Jahr beschlossen, 20 Milliarden Euro in den Breitbandausbau des Landes zu stecken. In Deutschland dagegen fiel im letzten Moment die Milliarde, die im Koalitionsvertrag für den Breitbandausbau stehen sollte, wieder weg. Stattdessen steht dort das Wort “Rahmenbedingungen”, ein politischer Code für “kein Geld, nur Gesetze”. Aber Rahmenbedingungen vergraben keine Kabel.

Die Datenökonomie
“1 Mbit reicht doch!”, das habe ich noch beim IT-Gipfel 2011 von Mitarbeitern des damals federführenden Wirtschaftsministeriums gehört. Der Hauptgrund, warum das natürlich überhaupt gar nicht reicht, lässt sich simpel zusammenfassen:

Es gibt zwei Arten von Unternehmen: diejenigen, deren Geschäft sich durch die Datenökonomie verändert. Und diejenigen, die noch nicht wissen, dass ihr Geschäft sich durch die Datenökonomie verändert.

Man mag das für verdichtet halten, aber es entspricht der Realität. Und zwar nicht nur, weil irgendwelche Marktingausgaben in Zukunft auf Facebook stattfinden statt in der Lokalzeitung, das ist ja heute schon so. Vielmehr greift die digitale Vernetzung tiefer als man zunächst vermuten würde in die Geschäftsmodelle fast aller Branchen ein.

Der große Software-Shift
Hat man ungefähr 2005 Jugendliche gefragt, welches Handy sie haben, war ihre Antwort vermutlich: “Ein Nokia”. Heute sagen sie: “Ein Android”. Der Unterschied? Beim ersten war das entscheidende Kriterium die Hardware, beim zweiten ist es die Software. Und zwar die vernetzte Software. Genau dafür braucht man überall schnelles Netz. Vernetzte Software dringt via Schlagworte wie “Cloud”, “Big Data” und “Business Intelligence” in alle möglichen Bereiche der Wirtschaft ein, von Medien bis Medizin, von Mobilität bis Maschinenbau, von Marketing bis MFinanzwirtschaft. Die Verschiebung von der Hardware zur Software zur vernetzten Software ist – in Hochtechnologiebereichen erst recht – die entscheidende Entwicklung der nächsten Jahre. Im B2B-Bereich ist die deutsche Industrie dabei oft gar nicht schlecht, auch wenn man das als Normalperson kaum sieht, gibt’s eine Reihe von “hidden digital champions”, deren Maschinen führend sind. Aber der künftige Erfolg der digitalen Wirtschaft kann nicht nur aus Zulieferern bestehen. Sie braucht auch große und bekannte Zugpferde. Im DAX sind ganz grob überschlagen ziemlich genau, Moment, ich berechne das nochmal: null Internetkonzerne. Und SAP ist der einzige Softwarekonzern. Was die Software im für Deutschland entscheidenden Automobilsektor angeht, ist die Situation noch schwieriger. Denn die großen Hersteller setzen auf Fremdlösungen.

Die Betriebssysteme
VW, BMW, Mercedes schließen Verträge mit – Überraschung! – Apple und Google. Es lässt sich der Zeitpunkt absehen, wo diese Allianzen umschlagen können wie einst die Allianz zwischen IBM und Microsoft. Anfang der 1980er beauftragte IBM in Verkennung der Macht der Software Microsoft mit der Erschaffung eines Betriebssystems. Mitte der 80er Jahre sprach man noch von “IBM-kompatibel”, wenn man Windows-kompatibel meinte. 15 Jahre später hatte IBM mit Personal Computern nichts mehr zu tun und Microsoft war der größte Tech-Konzern der Welt. Gut, das ist auch schon wieder vorbei, aber es ist kein Zufall, dass die beiden wichtigsten Digitalkonzerne der Welt die beiden wichtigsten, mobilen Betriebssysteme der Welt gebaut haben. Und wie stark die Macht des Betriebssystems ist, lässt Google Smartphone-Hersteller wie den Weltmarktführer Samsung (“Google has become a bully“) heute schon spüren.

Die Interfaces
Aber eigentlich ist kein Wunder, dass Autohersteller merken, dass ihre Software niemandem zuzumuten ist und deshalb zu den bekannten Oberflächen greifen. Für das Deutschlandradio habe ich neulich unter Live-Bedingungen das Interface eines deutschen Oberklasse-Wagens (Software von 2013) getestet. Es war grauenvoll. Wer schon mal an einem Smartphone vorbeigegangen ist, wird bei der Bedienung einer Auto-Software umgehend wahnsinnig. Ebenso, wenn man auf die schlechte Idee kommt, die Bedienung per Stimme auszuprobieren, die im Auto extrem naheliegen würde. Warum hat VW vermutlich die besten Sowieso-Einspritzer der Welt, aber die Stimmerkennung wirkt wie auf klingonisch programmiert? Ich hätte vor Wut beinahe mein iPhone verschluckt, “Wie bitte? Ich habe Sie nicht verstanden.” Und die Bedienkonzepte der Touchscreens deutscher Autos fühlen sich an wie Geldautomaten der 90er Jahre.

Die Innovationen
All das ließe sich genauso gut für den Bereich der Heim-Vernetzung beschreiben, wo Google mit Nest gerade ein Betriebssystem für die Wohnung in den Markt presst. Das von Stromverbrauch über die Haushaltsgeräte bis zur Heizung ungefähr alles steuern und damit kontrollieren können wird. Aber bleiben wir bei der Autoindustrie, weil sie so wichtig ist für die hiesige Volkswirtschaft. Es tut mir leid, dieses an Ausgelutschtheit unüberbietbare Wort “Innovation” zu benutzen, aber die ständige, substantielle Weiterentwicklung digitaler Produkte ist ihre einzige Chance. Dass Tesla gerade die Autoindustrie in den USA auf den Kopf stellt, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass dieses scheue, muffige Ding, “Innovation”, tendenziell eher nicht innerhalb großer Konzerne entsteht, sondern in jungen Unternehmen. Keine Neuigkeit, aber ein guter Grund zu fragen, warum zwar VW, BMW, Mercedes aus Deutschland kommen, aber nicht Tesla. Ein Unternehmen übrigens, dass in jeder Sekunde weiß, dass es Teil der Datenwirtschaft ist bis ins Detail. Der zweitwichtigste Schlüssel für Innovationen nach Idee und Umsetzungstart aber ist die Finanzierung von Neuem.

Die Investoren
Es ist ein Allgemeinplatz, dass in Deutschland im Vergleich weniger in StartUps investiert wird als in – hier beliebige Tech-Region einsetzen. Das Investoren-Problem wird deutlich, wenn man sich die seit Jahren gehörte Klage über deutsche Internetunternehmen ansieht: das seien fast alles Copy-Cats. Das stimmt nicht (mehr) – aber diese Klage ist trotzdem zu Recht entstanden. Denn deutsches Risikokapital verdient selten diesen Namen. Die Copy-Cat-Flut, die eine zeitlang vorhanden war, rührte nicht von mangelnder Innovation, sondern war ein Symptom. Und zwar für – eigentlich absurd! – das risikoaverse Verhalten von Risikokapitalgebern. Deutschland ist die Bausparkasse des Risikokapitals. Wo man lieber junge Unternehmen finanziert, die woanders genauso schonmal bewiesen haben, dass sie funktionieren. Damit bekommt man wenig überraschend StartUps, die kopiert wirken oder sind. Und eben keine – sorry, zum letzten Mal das schlimme I-Wort – Innovation.

Die Köpfe
Und hier schließlich ist der Rundumschlag angelangt beim entscheidenden Punkt. Nämlich den Köpfen der Leute, genauer gesagt, was darin vorgeht. Es ist der Punkt, wo man sein Schimpfen über alle anderen einstellt und auf sich selbst schauen muss. Im Jahr 2006 habe ich mein Buch “Wir nennen es Arbeit” veröffentlicht, über Selbständigkeit im digitalen Zeitalter. Erschütternd für mich war damals vor allem die Recherche über die Zukunftsträume der jungen, technologieaffinen, bestausgebildeten Kräfte. Praktisch alle sprachen von “Karriere” und meinten damit Festanstellung in führender Position. Selbstständigkeit gilt fast als Makel, um es mal für einen Rant angemessen platt zu formulieren: das “deutsche Google” wird nicht von Abteilungsleitern mit Dienst-A6, 14. Monatsgehalt und Eckbüro geschaffen. Umgekehrt wird es nicht besser, wenn die Gründungsmotivation allein ein geiler Exit ist. Was wiederum dazu führt, dass – wenn man so ganz ehrlich nach dem vierten Bier ins Gespräch kommt – sieben von zehn deutschen Gründern ihr Unternehmen als eine Art Lotto der digitalen Boheme betrachten, vielleicht kauft’s ja Google.

Das Ende, der Anfang
In dunklen Momenten weiß ich beim besten Willen nicht, wie man hierzulande die Transformation der Wirtschaft zur Datenökonomie hinbekommen möchte. Wenn sogar ich daran scheitere, mir ein E-Paper einer großen deutschen Tageszeitung zu kaufen. Wenn man selbst im ICE zwischen Hamburg und Berlin jedes Bit einzeln mit Vornamen begrüßen kann, weil zu wenig Wert auf digitale Infrastruktur gelegt wird. Wenn große Internetkonzerne nicht substanziell und faktenorientiert kritisiert werden, wie es außerordentlich wichtig ist – sondern verteufelt werden; eine Grundstimmung der Dämonisierung ist ungefähr das letzte, was man im Moment braucht.

Und dann wieder kommen die hellen Momente, denn natürlich ist nicht alles so schwarz-weiß wie ich es mir in diesem Rant von der Seele pöbeln musste. Dann wieder sehe ich die positiven Dinge, hey, die Deutsche Post hat einen supersicheren WhatsApp-Konkurrenten namens “SIMSme” auf den Markt gebracht, der praktisch überall euphorisch besprochen wird! Was soll schon schiefgehen mit der digitalen Transformation! Ich hoffe, dass ich diese positive Grundstimmung bis zur Keynote beim SolutionsCamp durchhalten kann.

Foto: Reto Klar